Von der Entspannung zur Erhitzung

Von der Entspannung zur Erhitzung Die Jazzsession im Blauen Engel eröffnet das Kieler Jazz-Jahr Von Jörg Meyer | Kieler Nachrichten vom 0 4.01.2013 Kiel. Seit 2009 organisiert der Kieler Saxophonist Philipp Broda im Blauen Engel allmonatlich die Jazzsession – inzwischen eine feste Größe und ein “Must go“ in der Kieler Jazz-szene. Allein beim Halbfinale der Fußball-WM habe man mal ausgesetzt und die Torschüsse den Ball- statt örtlichen Jazz-Artisten überlassen. Zur Eröffnung der fünften Saison hat sich Broda die Hamburger Kollegen Jürgen Kok (Gitarre), Martin Thissen (Schlagzeug) und Gerd Bauder (Kontrabass) eingeladen. Entspannt legt das Quartett mit dem Standart How Deep Is The Ocean ab vom angenehm träge dümpelnden Kai der Lounge zu beboppigen Aufwogungen. Wo Broda sein Saxophon zunächst nicht ohne Sanftmut singen lässt, setzt bald vor allem Gitarrist Kok hurtigere Akzente. Die sind und bleiben ebenfalls sanglich, wie man nicht nur seinen die Licks stumm mitscattenden Lippen abliest, dennoch wird schon im ersten Stück des Eröffnungssets ein erhitzteres Zeil anvisiert. Brodas Eigenkomposition Zum Goldenen Anker wirkt daher nur vom Titel her zunächst wie die Musik aus einer verschlafenen Eckkneipe. Vielmerh schleichen sich bald manche Latin Avancen ein, emamzipiert sich Thissens Schlagwerk von der Funktion als bloße Rhythmusmaschine. Genauso wie Bauders Bass-Spiel, dass manche Lyrik birgt wie im erdig erblühenden Intro zu Brodas Letzter Augusttag, doch zunehmend zupackend die Initiative ergreift. Der Session Gedanke wird hier ausformuliert: Vier Individualisten machen zwar ihr jeweils ureigenes Jazz-Ding, verbinden sich dabei aber zu einem gemeinsamen, schlüssigen Sound. Wie in Herbie Hancocks Dolphin Dance, der entsprechend beboppig tänzelt zwischen nervöser Erhitzung der Gitarrensaiten und des immer wilder improvisierenden Sax-Gesangs auf der einen und dem entspannt walkenden Bass auf der anderen Seite dieser funkelnden Medaille. Apropos: Recht funky wärmt ein letzter Sommerstrahl auch nochmal im Letzten Augusttag die Gemüter, bevor der Standard Somewhere Beyond The Sea in romantischem Gebläse zurückführt zur entspannten blau-engelnden Lounge. Ein perfekt gesetztes retardierendes Moment, bevor mit Kenny Barrons Voyage hiztig beschleunigter Bebop wieder die Oberhand gewinnt und die eigentliche Session eröffnet.Die heitz nach kurzer Umbaupause umso heftiger ein, bringt Kieler Jazz-Größen wie den Saxophonisten Markus Schmidt-Relenberg und Rainer Zühlsdorff am Piano auf die Bühn. Zum Sextett erweitert sich die Session-Combo zuweilen und legt mit Kenny Dorhams Blue Bossa oder Hancocks Cantaloup Island sowohl nach, wie ab von den Gestaden womöglich nachfesttäglicher Ernüchterung. Die Kieler Jazzsaison 2013 ist eröffnet. Und wie’s scheint, wird das zumindest bei den Sessions im Blauen Engel ein heißes Jazz-Jahr.