Ein geglücktes Jazz-Experiment

Marc Brenken und Philipp Broda präsentierten eigene Stücke mit besonderem Pfiff in St. Marien. LANDESZEITUNG SH 4 Februar 2013 | Von Reinhard Frank Rendsburg. Neben "normaler" Kirchenmusik will Volker Linhardt zukünftig der improvisierten Musik einen Platz im Angebot von St. Marien geben. Dazu lud er die beiden Jazz-Musiker Marc Brenken und Philipp Broda ein. Sie hatten es nicht leicht. Das Experiment war geglückt, wenn auch die Bedingungen nicht ganz optimal waren: Die Temperatur in der Kirche war niedrig, auch verbreitet die St. Marienkirche nicht die Atmosphäre eines Jazz-Clubs. Dennoch fügte sich alles bestens zusammen. Marc Brenken (Klavier, Melodica) und Philipp Broda (Saxofon, Bass-Klarinette) hatten mit ihrem Programm "Endless Sea - Unlimited Music" den Nagel auf den Kopf getroffen. Brenken, ehemaliger Rendsburger, als Komponist und Pianist ausgebildet an der Folkwang-Hochschule in Essen, und der Kieler Philipp Broda (Studium in Dresden) präsentierten neben bekannten Jazz-Standards auch eigene Werke mit besonderem Pfiff. Alle mit Bezug zum Meer. "Ich war vor 13 Jahren das letzte mal hier. Wie schön es hier in der Marienkirche ist, optisch und akustisch ein Genuss", schwärmte Marc Brenken von seiner Rendsburger Zeit. "How Deep Is The Ocean?" wurde mit vollem Einsatz gespielt, wobei Marc Brenken sogar als Percussionist mit flachen Händen das Klaviergehäuse zum Mitschwingen brachte. Auch sang er seine Improvisationen in allerbester Jazzer-Manier mit - die hätte man gerne lauter und überall in der Kirche hören mögen. Das galt auch fürs Klavier, das in der Lautstärke meist nur bei den Solo-Passagen im Vergleich zum von der natürlichen Akustik der Marienkirche bevorzugten Saxofon gebührend hörbar war. "Wenn ich mich entspannen will, setze ich mich ans Wasser und schaue auf die Wellen", erklärte Brenken vor dem Stück, das er seiner alten Heimat gewidmet hatte. Das wunderbare Stimmungsbild lud geradezu zum Mitschwelgen und Träumen ein. Im ersten Werk eines im Entstehen befindlichen und größer angelegten Liederzyklus "Seemannslieder" von Philipp Broda zeigten die beiden Fantasie und Können: Philipp Broda gab mit der großen Bassklarinette das rhythmische Fundament vor; Marc Brenken wanderte mit bestens dazu passender Improvisation auf der Melodica durch die Kirche: Nahklangerlebnisse für alle! Auch ein Daumenklavier setzten die beiden ein - wie sie sich überhaupt beide fantasiereich ergänzten und das Vergnügen, das sie beim Musikmachen hatten, auch aufs Publikum übertrugen. Marc Brenken überzeugte mit sensiblem Anschlag. Im Gegensatz zu vielen anderen Jazz-Pianisten unterzog er das Klavier keinem Stress- und Belastungstest. So gelang denn auch "The Sea", ein Stück, das er seinen bereits verstorbenen Eltern gewidmet hatte, nach dem Ausklingen des 9-Uhr-Glockenschlags mit seiner lyrisch, verträumten Stimmung besonders eindrucksvoll. "La Mer" in einer verzaubernden Fassung schloss den offiziellen Teil des Programms ab. Damit verließen beide Künstler spielend mit Melodica und Saxofon die Kirche. Die Musik verklang im Nichts. Stille. Aber nicht lange: Tosender Beifall löste die Spannung auf. Von diesen beiden wollte man gerne noch mehr hören. Zwei Zugaben, zuerst den "Olen Veermaster" in einer genialen Jazz- Fassung, dann "On A Slow Boat To China", das ganz zum Schluss mit dem Telekom- Motiv endete: Soviel Spaß kann diese Musik bringen. Aber nur, wenn sie mit Humor und großem Können so wie vom Duo Brenken/Broda gespielt wird.